WIEN, 16. Juli 2015 – Fast die Hälfte (46 Prozent) der Unternehmen in Europa rechnet mit steigenden Kosten, will aber dennoch an der betrieblichen Altersversorgung festhalten, um gute Mitarbeiter zu binden oder zu gewinnen. Das ergab eine aktuelle Studie der Economist Intelligence Unit im Auftrag von Towers Watson. Vor diesem Hintergrund stellen auch börsennotierte Unternehmen in Österreich ihre betrieblichen Versorgungspläne zukunftsfest auf. Immer mehr Unternehmen, die am Prime Market gelistet sind, setzen auf beitragsorientierte Versorgungspläne. Dabei ist das Pensionsvermögen im ATX letztes Jahr auf 2,3 Mrd. EUR gesunken (2013: 2,5 Mrd. EUR), auch die Pensionsverpflichtungen lagen mit 6,4 Mrd. EUR niedriger als im Vorjahr. Der Finanzierungsstatus, also das Verhältnis von Pensionsvermögen zu Pensionsverpflichtungen, verschlechterte sich auf 35,9 Prozent (2013: 38,0 Prozent).

„Der demografische Wandel ist längst in Österreich angekommen. 46 Prozent der Unternehmen haben erkannt, dass Mitarbeiterbindung auch über die betriebliche Altersversorgung läuft“, sagt Mag. Eva Salomon-Girsch, Leiterin Retirement Solutions bei Towers Watson in Wien. „Wir beobachten einen Trend zu beitragsorientierten Pensionsmodellen, insbesondere bei Neueinstellungen.“ 

Weil leistungsorientierte Pensionszusagen immer seltener getroffen werden, die Bestände also tendenziell pensionsnäher sind, haben sich die Zinsänderungen 2014 nur verhältnismäßig schwach auf die Pensionsverpflichtungen ausgewirkt. Das gilt insbesondere für den ATX, in dem die 20 größten börsennotierten Unternehmen Österreichs vertreten sind. Leichte Auswirkungen der Zinsschmelze verzeichneten die 39 ATX-Prime-Unternehmen. „Mit der Umstellung von leistungs- auf beitragsorientierte Pensionszusagen kann in Österreich eine gewisse Immunisierung erreicht werden“, erklärt Salomon-Girsch das sinkende Zinsrisiko aus Arbeitgebersicht.

Die bewerteten Gesamtverpflichtungen im ATX haben sich gegenüber dem Vorjahr deutlich reduziert. Nach den EZB-Zinssenkungen im Juni und im September ist der Barwert der Pensionsverpflichtungen im ATX um 3,8 Prozent auf 6,364 Mrd. EUR gesunken, wohingegen das Planvermögen um 9,1 Prozent auf 2,286 Mrd. EUR abschmolz. Die Ausfinanzierung hat sich damit um 2,1 Prozentpunkte auf 35,9 Prozent reduziert. Etwas mehr als ein Drittel der Pensionsverpflichtungen im ATX sind durch spezifisches Pensionsvermögen gedeckt. Der Barwert der Pensionsverpflichtungen beim ATX Prime lag hingegen mit 7,817 Mrd. EUR 853 Mio. EUR über dem Vorjahr, das Planvermögen stieg von 2,533 Mrd. EUR auf 2,621 Mrd. EUR leicht an, der Ausfinanzierungsgrad ging von 36,4 Prozent auf 33,5 Prozent zurück.

Barwerte durch Zinsentwicklung gestiegen

Altersvorsorge-Expertin Salomon-Girsch ergänzt: „Für neu eintretende Mitarbeiter entwickeln viele Unternehmen beitragsorientierte Pensionspläne. Hierfür werden regelmäßig Beiträge an externe Pensionskassen oder betriebliche Kollektivversicherungen entrichtet. Diese Pensionspläne sind nicht über Rückstellungen zu finanzieren, sondern werden durch künftige Beiträge des Unternehmens ausfinanziert, die somit laufenden Aufwand darstellen. Sie sind daher in der Bilanz auch nicht mehr als Verpflichtung anzusetzen. Jedoch weisen viele Unternehmen in ihren Geschäftsberichten explizit darauf hin, dass sie ihren Mitarbeitern solche zukunftsfesten Formen der Altersvorsorge anbieten.“

Das gravierende Absinken der Zinssätze erstklassiger Unternehmensanleihen führt grundsätzlich zu einer erheblichen Erhöhung der Barwerte der Pensionsverpflichtungen. Die Kurse der Aktien und Anleihen, die diesen Verpflichtungen gegenüberstehen, steigen nicht im gleichen Maße an. Mit ein Grund dafür ist die Durationslücke (Duration Gap), also die Tatsache, dass Anleihen kürzere Laufzeiten haben als Pensionsverpflichtungen. „Eine vollständige Immunisierung gegen das Zinsänderungsrisiko ist also nicht möglich“, so Salomon-Girsch. „Mit der möglicherweise bevorstehenden Zinswende dürfte sich der Effekt umkehren. Dann werden die Nettoverpflichtungen sinken und der Ausfinanzierungsgrad steigen.“

Ausfinanzierungsgrad niedriger, aber im internationalen Vergleich stabiler

Ein Blick auf die Pensionsverpflichtungen vergleichbarer Unternehmen aus dem Ausland zeigt, dass der Finanzierungsstatus in Österreich zwar deutlich niedriger, aber auch konstanter ist. In Deutschland sind die Pensionspläne der DAX-Unternehmen durchschnittlich zu 61 Prozent mit pensionsspezifischem Vermögen bedeckt (2013: 65 Prozent). Die Pensionspläne der Schweizer SMI-Unternehmen sind zu 84 Prozent ausfinanziert (2013: 89 Prozent). Der Ausfinanzierungsgrad im amerikanischen TW Pension 100 Index sackte auf 82 Prozent, nach 90 Prozent 2013.

Hintergrundinformationen zu den beiden Studien

Für die Studie „Is 75 the new 65? Rising to the challenge of an ageing workforce“ befragte die Economist Intelligence Unit (EIU) im Auftrag von Towers Watson Führungskräfte aus 480 großen mittelständischen Unternehmen und weltweit agierenden Konzernen in ganz Europa zu ihren Erwartungen hinsichtlich des demografischen Wandels und dessen Konsequenzen für die eigenen Benefits-Programme.

Die Studie „Pensionsvermögen und -verpflichtungen im ATX 2014“ basiert auf den Geschäftsberichten der ATX- und ATX Prime-Unternehmen, einschließlich der Anhangsangaben zu den Pensionsverpflichtungen sowie weiterer öffentlich zugänglicher Daten. Werte zu DAX- und MDAX-Unternehmen sind zu Referenzzwecken aufgeführt.

Über Towers Watson

Towers Watson, eine der führenden Unternehmensberatungen weltweit, unterstützt seine Kunden dabei, den Unternehmenserfolg durch ein effektives HR-, Finanz- und Risikomanagement zu steigern. Mit rund 16.000 Mitarbeitern weltweit entwickelt das Unternehmen Lösungen in den Bereichen betriebliche Altersversorgung und Nebenleistungen, Personal- und Vergütungsmanagement sowie Risiko- und Finanzmanagement, einschließlich der Beratung von Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen.