Die jüngste Reform stärkt die Stellung der bAV als zweite Säule im deutschen Altersversorgungssystem. Doch die voranschreitende Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und tradierte Erwerbsbiografien. Unternehmen sollten darauf reagieren und ihre bAV-Modelle auf Zukunftsfestigkeit prüfen, Konzepte und Prozesse bei Bedarf anpassen und alle Beteiligen kommunikativ vernetzen. Sonst drohen sie im Wettbewerb um knapper werdende Fachkräfte den Anschluss zu verlieren.

Nur etwa eine Stunde hatte sich Gerrit Jansen mit dem Geschäftsführer eines mittelständischen Technologie-Unternehmens in Süddeutschland unterhalten – dann bekam er die Zusage für die ausgeschriebene Stelle per Handschlag. Punkten konnte der Wirtschaftsingenieur, der seinen wahren Namen an dieser Stelle nicht lesen möchte, bei der Bewerbung mit seiner internationalen Erfahrung – auch wenn diese nicht so gradlinig ausfällt, wie sich dies Personalverantwortliche traditionell vorstellen. Nach dem Abschluss seines Studiums reiste Jansen ein paar Jahre lang um die Welt und betreute einzelne Projekte online oder vor Ort. Dann heuerte er kurzzeitig bei einem Start-up in den USA an, ehe er für einen Luftfahrtkonzern in Frankreich arbeitete. Nun, drei Jahre später, steht die berufliche Rückkehr nach Deutschland an.

Neue Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer – Pardigmenwechsel für HR

Bewegliche Biografien wie die von Jansen mögen noch die Ausnahme sein. Aber in dem Maße wie die Folgegenerationen der Millennials auf den Arbeitsmarkt drängen, werden sie zum Normalfall. Gleichzeitig bekommen vor allem Fachkräfte, die schon heute knapp sind, durch den demografischen Wandel mehr Verhandlungsmacht. „Die Ansprüche an Arbeitsplatz und Arbeitgeber werden dadurch steigen“, ist sich Nikolaus Schmidt-Narischkin, Director Consulting Services bei Willis Towers Watson sicher. „Noch steht bei deutschen Arbeitnehmern der Dienstwagen ganz oben auf der Liste der Gehaltszusatzleistungen. Doch die Nachfrage nach smarten Teilzeitmodellen, zusätzlichen freien Tagen, Auszeiten oder betrieblichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten wird rasant wachsen.“ Vor allem aber werden junge Akademiker und Fachkräfte in den kommenden Jahren immer stärker darauf achten, dass ihnen ihr Arbeitgeber eine Absicherung für das Alter bietet. Nach Prognosen der Bundesregierung wird allein bis zum Jahr 2030 das staatliche Rentenniveau auf 43 Prozent sinken. „Eine betriebliche Altersversorgung (bAV) wird zunehmend nachgefragt in unseren Bewerbergesprächen“, bemerkt auch Claudia Scheele, Expert HR Policies & Labor Law beim Immobilienentwickler ECE, der mit dem diesjährigen bAV-Preis ausgezeichnet worden ist.

Strukturwandel im Benefits-Angebot und-Management

Dazu wird der Umwälzungsprozess durch die voranschreitende Digitalisierung Human Ressources nachhaltig verändern. Auf diesen Paradigmenwechsel müssen sich Unternehmen einstellen und entsprechende Angebote unterbreiten, wollen sie im Wettbewerb um die besten Talente nicht den Anschluss verlieren. Dazu gehört, bAV-Modelle neu zu gestalten und an die Rahmenbedingungen der digitalen Arbeitswelt anzupassen. Monetäre Incentives wie Arbeitgeberzuschüsse alleine werden dazu kaum reichen. „Moderne Erwerbsbiografien verlangen flexible Konzepte, die sich an wechselnde Lebenssituationen anpassen lassen – etwa berufliche Auszeiten oder auch eine zwischenzeitliche unternehmerische Tätigkeit“, so Schmidt-Narischkin.

Nach seiner Einschätzung kann das neue Betriebsrentenstärkungsgesetz zur Initialzündung auch für ein grundsätzliches Überdenken betrieblicher Nebenleistungen werden. „Durch das Garantieverbot können Unternehmen völlig neue bAV-Modelle entwickeln. Für deren Verwaltung, Kommunikation und das Management individueller Wahlmöglichkeiten, die künftig immer stärker in den Vordergrund treten werden, müssen sie aber auch die dafür notwendigen Strukturen implementieren und Prozesse modernisieren.“ Um diese Herausforderung zu bewältigen, sind integrierte IT-Systeme ganz wesentliche Voraussetzung, um die Datensätze aller Mitarbeitern einschließlich ihrer Altersversorgungszusage stabil und verlässlich zu verwalten. „Die Komplexität durch Datensicherheit und laufende Datenpflege sollte bei allen Beteiligten nicht unterschätzt werden. Hier können der Einsatz von Technologie und die Automatisierung von Prozessen eine große Hilfe sein“, sagt Dr. Heinke Conrads, Director Actuarial Consulting bei Willis Towers Watson. „Die Systeme, die wir dazu heute bereits entwickeln und anbieten sind mehr und mehr selbstlernend in der Lage, Daten auf Konsistenz und Plausibilität zu prüfen.“ Dazu bieten sie im Idealfall flexible Schnittstellen, damit auch Wirtschaftsprüfer und Aktuare schnell und laufend auf aufbereitete Daten zugreifen können. „Das wird auf Sicht der kommenden zehn bis 15 Jahre zum Standard werden, dem sich Unternehmen ab einer bestimmten Größe und Mitarbeiterzahl kaum entziehen können“, prognostiziert Conrads. „Der gute alte Karteikasten wird jedenfalls ausgedient haben.“

New Work – new Benefits

Zeitgemäße bAV-Modelle müssen aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa eine längere Lebensarbeitszeit konzeptionell berücksichtigen. Statt einen harten Schnitt zu machen werden in den kommenden Jahren immer mehr Arbeitnehmer einen gleitenden Übergang von ihrem Berufsleben in den Ruhestand vollziehen. Die Unternehmen sind auf diese Art der Flexibilität dringend angewiesen, um den Übergang von erfahrenen Fachkräften, die in großer Zahl in Rente gehen, zu ihren Nachwuchskräften erfolgreich zu managen. „Arbeit an sich wird sich durch die Digitalisierug außerdem fundamental wandeln“, ist Ravin Jesuthasan, Managing Director bei Towers Willis Watson, überzeugt. „Tradierte Führungs- und Organisationsstrukturen innerhalb von Unternehmen werden sich auflösen, Arbeit wird disaggregiert in Aufgaben, die dispers sowohl intern als auch extern abgearbeitet werden.“ Diese veränderten Strukturen muss die bAV adressieren, will sie zukunftsfähig bleiben. „Ein System, in dem Garantien keine Rolle mehr spielen, bietet gute Voraussetzungen dafür“, glaubt Thomas Jasper, Leiter Retirement bei Willis Towers Watson Deutschland (siehe auch Interview ab Seite 8). „Zukünftig wird allein der Sparvorgang im Fokus stehen. Das bedeutet: Diese Mitte sind nicht mehr gebunden an ein bestimmtes Gefäß. Sie können zukünftig zwischen unterschiedlichen Formen der bAV beziehungsweise verschiedenen Providern und Anlagegefäßen bewegt werden.“

Höhere Eigenverantwortung der Arbeitnehmer

Unabhängig von der Gesetzesreform bekommt der einzelne Arbeitnehmer zudem in der bAV mehr Verantwortung. Er muss stärker als bisher eigenständig Entscheidungen treffen. Viele sind damit überfordert. Umfragen zufolge hat jeder dritte Arbeitnehmer noch nicht einmal eine konkrete Vorstellung von der Höhe seiner gesetzlichen Rentenansprüche. Das müssen zukünftige bAV-Konzepte berücksichtigen und entsprechende Lösungen anbieten. Unternehmen brauchen daher für ihre Versorgungsmodelle ein Gesamtkonzept, das neben den eigentlichen bAV-Angeboten eine vernetzte Kommunikation zwischen ihnen, den Providern und ihren Mitarbeitern bietet und dafür moderne Kanäle nutzt. Ohne Hilfe von spezialisierten Dienstleistern sind solche Lösungen kaum zu realisieren. „Die Interaktion rund um die bAV muss für Mitarbeiter einfacher, individueller und konkreter werden“, fordert Willis-Towers-Watson-Experte Schmidt-Narischkin.

Schon heute arbeiten Unternehmen wie die mit dem Deutschen bAV-Preis ausgezeichnete RWE-Tochter Innogy intensiv an technischen Lösungen, bei denen der Mitarbeiter auf ein Portal geht oder eine mobile App nutzt. Über sie kann er jederzeit seine aktuelle Versorgungssituation einschließlich aller gesetzlichen und anderweitigen betrieblichen Anwartschaften abfragen, so wie das in Ländern wie Schweden oder Dänemark bereits Realität ist. Zusätzlich bekommt der Nutzer einen Überblick über die Möglichkeiten, die ihm in der bAV zur Verfügung stehen. Dafür kann er ein Online-Beratungstool nutzen, das bei Bedarf durch Mensch-zu-Mensch-Interaktion ergänzt wird. „Er trifft dann seine Wahlentscheidungen, die automatisch in der Payroll umgesetzt werden und als Information unmittelbar zum Provider der bAV fließen“, beschreibt Schmidt-Narischkin die Zukunftsvision.