Autor

Michael Kluettgens

Michael Kluettgens

Leiter Versicherungsberatung Deutschland

Willis Towers Watson

Der Verkauf von Lebensversicherungsgeschäft im Run-Off beschäftigt die großen Versicherungsgesellschaften. Große Versicherungsgesellschaften bestätigen, dass sie den Verkauf von Lebensversicherungsgeschäft im Run-Off als strategische Option in Betracht ziehen. Andere Häuser erklären öffentlich, dass Run-Off generell als Geschäftsmodell für sie nicht in Frage kommt. Wiederum andere Gesellschaften, etwa die Basler oder die ARAG Leben, haben bereits Nägel mit Köpfen gemacht und Geschäft, welches für das Neugeschäft bereits geschlossen war, an eine sogenannte Run-Off-Plattform verkauft. Auch wenn zuweilen Ängste unter den betroffenen Versicherungsnehmern geschürt werden: Die betroffenen Versicherungsnehmer können davon profitieren.

In Zukunft werden wir noch mehr solcher Transaktionen sehen, in denen sich einzelne Versicherer von Lebensversicherungsbeständen oder Teilen von solchen Beständen trennen werden. In Großbritannien war diese Entwicklung bereits vor gut 10 Jahren zu beobachten und Pressmeldungen hierzulande, dass Versicherungsnehmer infolge eines Verkaufs einen weniger guten Kundenservice erhalten haben, haben sich nicht bestätigt – zumal die britische Konsumentenschutzbehörde die faire Behandlung der Versicherungsnehmer sehr achtsam überwacht.

Facetten des Run-Offs in der Lebensversicherung

  • Abwicklung eines Teilbestandes: Sehr viele Gesellschaften bieten das klassische Lebensversicherungsgeschäft nicht mehr an und haben stattdessen Produkte mit alternativen kapitalschonenderen Garantiekonzepten im Programm. De facto wird hier auch bereits eine Run-Off-Strategie verfolgt, allerdings nur bezogen auf einen Teilbestand.
  • Vollständiger Run-Off: Weitreichender ist die Entscheidung für den vollständigen Run-Off eines Versicherers, d.h. die rechtliche Einheit wird kein Neugeschäft mehr schreiben. Hierbei sollte man zumindest zwei Fälle unterscheiden: Wenn das Versicherungsunternehmen Teil einer Gruppe ist, dann kann die Run-Off- Entscheidung die alleinige Konsequenz haben, dass das Neugeschäft in einer anderen Gesellschaft gezeichnet wird. Der Vertrieb muss sich entsprechend umstellen, doch behält er eine vergleichbare Produktpallette. Beispiele hierfür sind die zur ERGO gehörenden Gesellschaften ERGO Leben und Victoria Lebensversicherung. Die ERGO hatte im Juni 2016 angekündigt, zukünftig Neugeschäft nur noch in der Vorsorge Lebensversicherung zu schreiben. Wenn eine Gruppe entscheidet, gar kein Lebensversicherungsgeschäft mehr zu schreiben, dann sind die Konsequenzen für den Vertrieb ungleich gravierender. Die ARAG z.B. hatte im Herbst 2016 entschieden, das Lebensgeschäft aufzugeben, jedoch als Ersatz mit der Alte Leipziger Lebensversicherung einen Produktgeber gefunden, der das über den ARAG Vertrieb vermittelte Lebensversicherungsgeschäft zeichnet. Die Delta Lloyd Deutschland hatte 2010 angekündigt, kein Neugeschäft mehr zu schreiben mit der Konsequenz, dass der eigene Vertrieb abgebaut wurde.
  • Andere Versicherer: Weniger spektakulär, aber nicht minder interessant, sind Modelle, bei denen ein Versicherer die Vertragsverwaltung für andere Versicherer übernimmt, wenn er dieses kostengünstiger darstellen kann.
  • Externe Bestandsabwicklung: Noch weitreichender ist sicherlich die Entscheidung zum „externen Run-Off“, d.h. einen im Run-Off befindlichen Bestand oder gar eine ganze im Run-Off befindliche Gesellschaft an einen professionellen Abwickler („Run-Off-Plattform“) zu verkaufen. Die ARAG und die Basler sind diesen Weg gegangen, und größere Häuser schließen momentan nicht aus, diesen Weg ebenfalls gehen zu wollen. Denkbar sind auch Transaktionen, bei denen ein auf die Fortführung von Lebensversicherungspolicen spezialisierter Anbieter den Bestand des verkaufenden Unternehmens und ein anderer Versicherer, der expandieren möchte, den Vertrieb und die Produktschmiede übernimmt.

Warum externer Run-Off (oder warum nicht...)?

Aktuell wird vor allem der externer Run-Off ernsthaft im Markt diskutiert und offensichtlich als strategische Handlungsoption verfolgt. Doch warum? Das niedrige Zinsniveau und die langfristigen, hohen Zinsversprechen machen der Lebensversicherungsbranche zu schaffen. Die Versicherungsnehmer bekommen auch zukünftig die hohen Garantiezinsen Jahr für Jahr gutgeschrieben, d.h. sie erzielen weitaus mehr Rendite als momentan für vergleichbar risikoarme Anlageprodukte erzielt wird.

Die Versicherungsunternehmen sind damit gezwungen, die Effizienz zu steigern, um die zwangläufig geringen Renditen ihrer Kapitalanlagen zu kompensieren. Früher hat ein Versicherer ohne große Schwierigkeiten weit mehr Kapitalerträge verdient als das gegebene Zinsversprechen. Da spielte die Höhe der Kosten keine entscheidende Rolle. Das hat sich gravierend geändert – und man sucht nach Wegen, mit denen die Versicherer ihre Kostenbasis senken können.

Vorteile externer Abwicklungsplattformen

In Deutschland etablierte Run-Off-Plattformen wie Viridium, Athene oder Frankfurter Leben argumentieren, dass sie deutlich effizienter arbeiten können:

  • Für Versicherer bedeutet das Einsparungen bei Verwaltungs- und IT-Kosten, weniger Komplexität und Personalkosten. Davon profitiert letztlich auch der Versicherungskunde, der an den Kostenüberschüssen partizipiert.
  • Aufgrund der Eigentümerstruktur unterliegen die Plattformen weniger stringenten Anforderungen an die Konzernberichterstattung. Dadurch wird z.B. Compliance mit dem neuen Rechnungslegungsstandard IFRS17 für einen Großteil der Investoren nicht erforderlich sein.
  • Die Investoren haben sich zudem auf die Fahnen geschrieben, die Kapitalanlage ertragsorientierter zu gestalten z.B. mittels illiquider Assets, wovon ebenfalls der Versicherungsnehmer materiell profitieren würde, da die Überschüsse zum großen Teil an diese ausgeschüttet werden.
  • Bei einem internen Run-Off und Einstellung oder Reduktion des Neugeschäfts sind Versicherungsgesellschaften gezwungen, sehr schnell (noch schneller als durch das Zinsniveau ohnehin herbeigeführt) ihre Kostenbasis (inkl. Belegschaft) zu reduzieren, da der Bestand abnimmt. Dies können Run-Off-Plattformen viel eher durch weitere Übernahmen von Beständen kompensieren und hier auch für die Belegschaft ggf. attraktivere Perspektiven darstellen.
  • Außerdem wird argumentiert, dass über innovatives Kapitalmanagement Effizienzgewinne realisiert werden können, was die Kapitalkosten reduziert. In dem Kontext sei erwähnt, dass multinationale börsennotierte Versicherer unter anderem daran gemessen werden, wie viel Cash kurz- bis mittelfristig an die Aktionäre ausgeschüttet werden kann. Die Bestände mit traditionellem Lebensversicherungsgeschäft binden sehr viel Kapital, d.h. eine Veräußerung kann die Ausschüttungsfähigkeit der Muttergesellschaft materiell verbessern oder Mittel freimachen, in zukunftsträchtige Produkte oder Märkte zu investieren.

Neben den drei genannten etablierten Plattformen in Deutschland gibt es noch eine Reihe von weiteren Interessenten – meist Private Equity Gesellschaften aus dem angelsächsischen Raum -, die ihre Fühler Richtung deutscher Markt ausgestreckt haben, wobei diese allerdings erst noch eine Plattform etablieren müssten.

Das Thema wird die Branche in den nächsten Monaten und Jahren noch intensiv beschäftigen. Es werden viele neue Erkenntnisse gewonnen, Handlungsoptionen ausgearbeitet und bewertet, wieder revidiert, fallengelassen oder umgesetzt. Es wäre nicht überraschend, wenn in den nächsten fünf Jahren das Geschäftsvolumen der Run-Off-Plattformen bis auf 200 Milliarden EUR Bilanzsumme anwachsen würde.

Fazit

Für die Kunden ändert sich durch eine Bestandsübertragung hinsichtlich der garantierten Versprechen nichts, was auch durch die Beaufsichtigung der BaFin sichergestellt ist. Verträge werden unverändert fortgeführt, Versicherte erhalten auch zukünftig alle garantierten Leistungen und werden weiterhin im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften an den anfallenden Überschüssen beteiligt – und diese haben eine gute Chance, höher auszufallen, wenn das Geschäft professioneller und effizienter verwaltet wird.

Versicherer, die eine Bestandsabwicklung in Betracht ziehen, sollten die strategische Handlungsoption Run-Off (extern oder intern) ernsthaft prüfen. Der Verkauf einer Gesellschaft oder eines Teilbestands ist sicherlich nicht für alle Häuser eine sinnvolle Alternative. Wenn etwa die Bestände effizient verwaltet und aufgrund der Größe des Bestands noch ausreichend Skaleneffekte realisiert werden, dann wird eine Plattform möglicherweise nicht ausreichend Mehrwert generieren können, um einen Verkauf zu rechtfertigen. In solch einem Fall wäre der zu erwartende Verkaufserlös - also der Preis, den eine Abwicklungsplattform bereit ist zu zahlen - nicht hoch genug, um den bestehenden Eigentümer zum Verkauf zu bewegen.

Die Bewertung dieser Handlungsoptionen ist alles andere als trivial und von vielen Faktoren abhängig. Die Komplexität des Geschäfts, die Qualität der IT Infrastruktur, der Vertriebsmix, die Vertriebskosten, die Eigentümerstruktur sowie die Stellung der Lebensversicherung in der Gruppe sind nur einige Elemente, die von Gesellschaft zu Gesellschaft völlig unterschiedlich sind und daher auch divergierende strategische Ausrichtungen rechtfertigen.