Autor

Michael Kluettgens

Michael Kluettgens

Leiter Versicherungsberatung Deutschland

Willis Towers Watson

Am 20. Mai 2017 veröffentlichte der Großteil der deutschen Versicherer erstmalig den „Bericht über Solvabilität und Finanzlage“ (Solvency and Financial Condition Report, kurz SFCR) im Rahmen von Solvency II. Die Ausnahme bildeten einige wenige Unternehmen, die bei der BaFin die Veröffentlichung eines „Single SFCR“ der Gruppe beantragt hatten und somit etwas später veröffentlichen durften.

Auf den ersten Blick: Solide Solvenzquoten dank Übergangsmaßnahmen

Die Solvenzquoten der deutschen Versicherer sahen Ende 2016 zunächst sehr solide aus:

Durchschnittliche Solvenzquoten der deutschen Versicherer
Durchschnittliche Solvenzquoten der deutschen Versicherer
Quelle der Rohdaten: solvencyDATA 2017

Selbst die Lebensversicherer zeigen im Schnitt, ohne Berücksichtigung der Übergangsmaßnahmen, eine durchschnittliche Solvenzquote von 209 Prozent. Dennoch konnten elf der 81 analysierten Lebensversicherer die 100-Prozent-Hürde ohne Übergangsmaßnahmen nicht nehmen. Weitere 29 Gesellschaften liegen, ohne Übergangsmaßnahmen, bei unter 150 Prozent.  Im Großen und Ganzen entspricht dies den Erwartungen - es überrascht nicht, dass zahlreiche Gesellschaften ohne Übergangsmaßnahmen keine ausreichende Solvabilität ausweisen.

Insgesamt stehen AGs und die Nutzer von Internen Modellen ohne Übergangsmaßnahmen deutlich besser da als ihre Wettbewerber, wobei hier ein kausaler Zusammenhang besteht: Die großen multinationalen Versicherer sind Aktiengesellschaften und nutzen größtenteils auch auf Soloebene ein Internes Modell. 

Nutzer von Übergangsmaßnahmen verzerren (noch) das Bild

Die aufsichtliche Solvenzquote ist bei den mittelgroßen Gesellschaften höher als bei den Top-10-Gesellschaften – diese Zahl wird jedoch dadurch verzerrt, dass der Anteil der Nutzer von Übergangsmaßnahmen unter den Top 30-Gesellschaften (17 insgesamt) deutlich höher ist als unter den Top 10-Gesellschaften (3 insgesamt).

  Aufsichtliche Solvenzquote Solvenzquote ohne Übergangsmaßnahmen
AG 335% 248%
örVU 441% 202%
VVaG 335% 143%
Top 1-10 (geb BB) 338% 253%
Top 11-30 (geb BB) 362% 164%
Standardformel 345% 164%
Partielles IM 323% 232%
Internes Modell 352% 352%
Quelle der Rohdaten: solvencyDATA 2017

Interessant bei den deutschen Lebensversicherern ist auch die Aufteilung der Eigenmittel: Diese setzen sich größtenteils aus Positionen zusammen, die dem Versicherungsnehmer zuzuordnen oder nicht als ökonomischer Unternehmenswert monetarisierbar sind, zum Beispiel Übergangsmaßnahmen, Überschussfonds sowie mit der Going Concern Reserve auch ein Teil der Ausgleichsrücklage. Abzuwarten bleibt, wie sich diese Positionen über den Zeitverlauf bei anhaltend niedrigem Zinsniveau entwickeln werden.

Durchschnittliche Aufteilung der Eigenmittel der deutschen Lebensversicherer
Durchschnittliche Aufteilung der Eigenmittel der deutschen Lebensversicherer
Quelle der Rohdaten: solvencyDATA 2017

Spannende Details liefern auch die qualitativen Teile des SFCR – wenn man an den richtigen Stellen sucht: So mussten einige Lebensversicherer im Teil E (Kapitalmanagement) von einer zeitweisen Unterdeckung der Minimum Capital Requirements (MCR) berichten. Weiterhin interessant sind die Ausführungen zu den Internen Modellen der Versicherer, in denen z. B. auch die materielle Wirkung des dynamischen Volatility Adjustments in Bezug auf das Spreadrisiko herausgestellt wird.

Insgesamt ist bei den qualitativen Teilen jedoch festzuhalten, dass die Anforderungen des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) von den Unternehmen noch sehr unterschiedlich aufgefasst werden. Das resultiert in sehr unterschiedlichen Berichten: Einige Unternehmen berichten sehr detailliert über ihre Risikoexponierung und Risikokonzentrationen, wohingegen andere Unternehmen nur eine allgemeingültige Definition ihrer Einzelrisiken niederschreiben. Bei manchen Unternehmen wird es hier im nächsten Jahr sicher Nachholbedarf geben, um den VAG-Vorgaben gerecht zu werden. Auch das einheitliche Füllen der quantitativen Formulare (QRTs) nach Vorgaben der BaFin wird im nächsten Jahr sicherzustellen zu sein. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Unternehmen mit den QRTs zwar eine Flut an Informationen zur Verfügung stellen müssen, aber nur einige wenige Daten tatsächlich für Außenstehende relevant sind. Auf der anderen Seite fehlen wichtige Informationen wie z.B. eine granulare Zerlegung der Ausgleichsrücklage oder der einzelnen Risikokategorien im SCR.

Fazit:

Unter Solvency II zeigen sich die deutschen Versicherer in der ersten Runde standhaft. Dennoch sind viele Gesellschaften ohne die Übergangsmaßnahmen noch nicht am Ziel, was zahlreiche Baustellen in den Unternehmen aufwirft. Einen kritischen Blick verdient außerdem die sehr unterschiedliche Erfüllung einiger Anforderungen sowie die Qualität der Eigenmittel: Auf diese Weise greift Solvency II als Maß für Vergleiche noch zu kurz.