Autor

Karsten Wantia

Karsten Wantia

Director

Willis Towers Watson

Sie zogen aus, um die Versicherungsbranche aufzumischen – zu „disrupten“ wie man auf Neudeutsch sagt: Start-ups, die sich auf die digitale Transformation der Versicherungswirtschaft spezialisiert haben. Aber was hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich getan? Werden die Karten in der Versicherungsbranche wirklich neu gemischt? Ganz so dramatisch ist Entwicklung bis heute nicht, aber ein fundamentaler Wandel vollzieht sich – sichtbar und unsichtbar.

Von der Konfrontation zur Kooperation

Werfen wir einen Blick zurück in die jüngste Vergangenheit: Zu Beginn des Trends vor ein paar Jahren traten Insurtechs, die oft wenig konkrete Erfahrung in der Versicherungsbranche hatten, noch recht konfrontativ auf. Ihr primärer Fokus war es, die Kundenschnittstelle zu besetzen, und sich so in der vermeintlich lukrativsten Position der Wertschöpfungskette zu etablieren. Die Devise lautete: Insurtechs vereinfachendas Handling von Versicherungen, alles wird verständlicher und statt langer Belehrungen und langweiliger Unterschriftsorgien wird eine echte „experience“ geboten. 

Beispiele wie Knip oder Clark zeigen, dass die anfängliche Euphorie schnell der Ernüchterung gewichen ist. Mit einem digitalen Kundenordner allein ließen sich Policen nicht leichter verkaufen als per Makler oder auf anderen Vertriebswegen. Schon gar nicht mehr in der Anzahl, denn schließlich wollen Insurtechs schnell wachsen, „skalieren“ – und das ist auch per App nicht so einfach möglich in einem Markt, der traditionell eher vom „Push“ der Unternehmen als vom „Pull“ der Konsumenten lebt.

Heute hingegen agieren Insurtechs in der Regel eher kooperativ gegenüber etablierten Versicherern, auch Beteiligungen und Übernahmen durch die „Großen“ gehören dazu. Diese Entwicklung belegt auch das Willis Towers Watson InsureTech Briefing 04/2017.

Apps machen Versicherungsprodukte nicht sexy

Die Gründe für diesen Sinneswandel sind zahlreich, zusammenfassend hat sich herausgestellt: Das Versicherungsgeschäft ist komplexer als viele andere Wirtschaftszweige, auch und vor allem bei der Kundengewinnung. Smartphone Apps oder ausgefeilte „UX“ machen das Versicherungsprodukt noch lange nicht attraktiv und generieren auch nicht automatisch „touch points“ mit den Kunden. 

Zudem ist der Kundenzugang hart umkämpft, Marktanteile lassen sich nicht ohne weiteres erobern, sondern brauchen Zeit. Das beste Beispiel dafür ist Check24.de: Die Plattform wurde bereits 1999 gegründet und benötigte trotz des digitalen und skalierbaren Geschäftsmodells viele Jahre, um sich ihre heutige Marktposition zu erarbeiten. Grundsätzlich braucht es Vertrauen, um eine Versicherung abzuschließen – in den Versicherer selbst, aber auch in den Vermittler. Dieses muss sich ein digitales Start-up im Versicherungsdschungel erst verdienen.

Die Digitalisierung wird die Versicherungswelt dennoch maßgeblich verändern – das wissen die Versicherer und gestalten die Zukunft längst selbst aktiv mit. Dazu gehört, dass sie nach Möglichkeiten suchen, Insurtechs zu übernehmen oder zumindest in sie zu investieren. Schließlich bieten die digitalen Start-ups mittlerweile Produkte und Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Versicherers – nicht nur an der Schnittstelle zum Kunden, sondern auch im Schadenmanagement oder in der Optimierung von Geschäftsprozessen.

Eine These für die Zukunft?

Zunächst jedenfalls wird es keine disruptive Veränderung am Versicherungsprodukt an sich geben. Dennoch steht eine gravierende Änderung des Marktplatzes für Versicherungsschutz bevor: Es ist möglich, dass sich zwei bis drei große Plattformen etablieren und daneben nur wenige Vollsortimenter und hochspezialisierte Nischenanbieter werden halten können. Zudem werden sich weitere Absatzmärkte für Versicherungsservices herausbilden, etwa für die Kundenkommunikation oder die Schadenabwicklung. Insurtechs spielen bei dieser Entwicklung eine große Rolle, so viel ist sicher.