Autor

Dr. Thorsten Wagner

Senior Director

Willis Towers Watson

 

Dieses Jahr war es nun soweit: Die Versicherungsunternehmen mussten zum ersten Mal das Quantitative Reporting Template (QRT) 29 abgeben – eine Art Veränderungsanalyse, die manche Lebens- und Krankenversicherungsunternehmen an die „Analysis of MCEV earnings“ erinnert haben dürfte. Und ich möchte mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, das Thema Veränderungsanalyse auch nur für diese zwei Versicherungssparten diskutieren.

Hand aufs Herz: Was hat das QRT 29 mit der berechtigten Anforderung zu tun, Ergebnis-Veränderungen unter Solvency II zu erklären? Auf einer Skala von 1 (nichts) bis 10 (vollständige Transparenz) war schon die „Analysis of MCEV earnings“ inklusive der veröffentlichten Begleittexte eher nur zwischen 5 und 8 einzuordnen – abhängig vom Unternehmen.

Die European Insurance and Occupational Pensions Authority (EIOPA) hat durch die Ausgestaltung des QRT 29 und seiner Unterblätter für Assets (bei denen einfach nur die Marktwerte am Anfang und am Ende des Jahres anzugeben sind) und für versicherungstechnische Rückstellungen (für die eine Art schrittweise Veränderungsanalyse gefordert ist) maximal eine 2 verdient. Oder anders ausgedrückt: Die bloße Compliance mit dem QRT 29 liefert weder für das abzugebende Unternehmen noch für den beaufsichtigenden Mitarbeiter der BaFin einen Zugewinn!

Nur ein paar Gründe für diese schlechte Note:

  • Wie soll der Leser einer Veränderungsanalyse nur bloße Zahlen interpretieren, wenn ihm nicht wenigstens noch gesagt wird, was sich dahinter verbirgt – speziell bei Änderungen im Modell oder von Annahmen?
  • Wieso ist es erforderlich, die Auswirkung des Neugeschäfts auf die Höhe der Reserve am Jahresende anzugeben – und nicht zum „Point of Sale“, so dass man tatsächlich eine Wirkung auf die Own Funds ablesen könnte?
  • Wesentliche Veränderungen der Reserve können auch durch eine geänderte Asset Allokation oder durch indirekte Auswirkungen des abgelaufenen Jahres auf die zukünftigen Cash Flows („experience on PVFP“) entstehen – das QRT 29.3 sieht dafür aber keine eigenen Ausweise vor.
  • Der schwerwiegendste Grund für die schlechte Note ist aber die Unsinnigkeit, bei überschussberechtigtem Geschäft die Wirkungen von Assets unberücksichtigt zu lassen – „Own funds“ sind nunmal „Assets minus Liabilities“!

Wir haben mit relativ vielen Versicherern über den Nutzen dieses QRTs gesprochen – und darüber, ob man für sich intern den Extra-Schritt geht und eine nützliche Veränderungsanalyse implementiert. Dabei gab es unterschiedliche Meinungen: Manche Versicherer haben eine solche Analyse schon umgesetzt, gegebenenfalls auch konzentriert auf die für das Unternehmen wichtigsten Kennziffern bei der Veränderung (beispielsweise Neugeschäft, Kapitalmarkt-bedingte Änderungen).

Bei anderen Unternehmen lautete die Antwort, dass dieses Jahr noch die bloße Compliance-Erfüllung im Vordergrund stünde, in den nächsten Jahren aber auch der Weg zu einer aussagekräftigen Veränderungsanalyse gegangen werden soll.

Nach vorne geschaut: Was ist aus unserer Sicht wichtig auf dem Weg zu einer auch intern nutzenstiftenden Veränderungsanalyse? Die Kernpunkte dabei sind:

  • eine zusammenhängende Betrachtung von Assets und Liabilities
  • vollständige Auflistung von Auslösern für die Änderung der Own Funds sowie
  • die anschließende Zuordnung zu Schritten, die tatsächlich analysiert werden sollen
  • die Qualität der Anmerkungen, die über eine bloße Darstellung des errechneten Zahlenwerks hinausgehen – maßgeblich für das Verständnis der Effekte

Um dafür notwendige Prozesse effizient und schnell zu machen, bedarf es einer gründlichen Planung, wie man diese zumindest standardisieren, wenn nicht sogar automatisieren kann. Und selbst wenn das zufriedenstellend gelöst ist, müssen sich Aktuare keine Gedanken über ihren Arbeitsplatz machen – denn die Erfahrung zeigt, dass sie immer wieder gebraucht werden, um Besonderheiten individuell zu untersuchen.

Bei Solvency II gibt es jetzt eine Phase des Verschnaufens – so sieht es zumindest aus. Aber wir raten dringend, vor dem Hintergrund der EIOPA Konsultation und dort zu erwartenden verschärften Anforderungen, auch die Prozesse für Analysen zu verbessern. Und die Veränderungsanalyse steht dabei an der Spitze.