• Rechnungszins fällt seit Jahresbeginn um 0,58 Punkte auf 3,07 Prozent
  • Marktlage verteuert Bereitstellung der betrieblichen Altersversorgung
  • Trend zu kapitalmarktorientierten Pensionsplänen hält weiter an.

FRANKFURT AM MAIN, 6. August 2014 – Die anhaltende Niedrigzinspolitik in der Euro-Zone zeigt deutliche Auswirkungen auf die Pensionspläne deutscher Unternehmen. In der ersten Jahreshälfte rutschte der Ausfinanzierungsgrad der DAX-Pensionspläne auf 61,3 Prozent, ein Minus von vier Prozentpunkten gegenüber dem Jahresende 2013 (65,3 Prozent). Auch der Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne im MDAX ging von 51,4 Prozent auf 48,1 Prozent (-3,3 Prozentpunkte) zurück. Das zeigt die Modellberechnung „German Pension Finance Watch“ der Unternehmensberatung Towers Watson. Die Ursache für den Rückgang sehen die Towers-Watson-Experten im Absinken des Rechnungszinses auf 3,07 Prozent. Ende 2013 lag er noch bei 3,65 Prozent.

„Durch das Absinken des Rechnungszinses im ersten Halbjahr ist die Entwicklung des Ausfinanzierungsgrades der Pensionspläne insgesamt rückläufig”, konstatiert Dr. Thomas Jasper, Leiter des Beratungsbereichs Retirement Solutions bei Towers Watson. „Schwankungen des Ausfinanzierungsgrades sind aber normal und mit Blick auf die Langfristigkeit der betrieblichen Altersversorgung kein Grund zur Beunruhigung.“ Auch aufgrund des gesunkenen Rechnungszinses stieg der Wert, mit dem die Pensionsverpflichtungen der DAX-Unternehmen in die Bilanz eingehen, im ersten Halbjahr 2014 um 11,1 Prozent auf 336,8 Milliarden Euro. Das Planvermögen stieg weiterhin kontinuierlich an und lag zur Jahresmitte 2014 bei 206,6 Milliarden Euro (+4,3 Prozent seit Jahresanfang). Im MDAX zeigte sich dieselbe Dynamik, wenn auch auf geringerem Niveau: Die Pensionsverpflichtungen stiegen um 11,2 Prozent auf 56 Milliarden Euro, das Planvermögen legte um 4,1 Prozent auf 27 Milliarden Euro zu.

Spagat zwischen Attraktivität und Kosten

Durch die niedrigen Zinsen wird für die Unternehmen der Spagat zwischen den Kosten für die betriebliche Altersversorgung (bAV) und dem Anspruch, den eigenen Mitarbeitern möglichst attraktive Angebote zu machen, schwieriger. „Eine Konsequenz des niedrigen Zinsniveaus und des erneut gesunkenen Rechnungszinses ist, dass alle bestehenden Pensionslösungen mit festen Zinszusagen in den letzten Jahren teurer geworden sind”, stellt Jasper fest. Dabei nimmt die Bedeutung von bAV-Angeboten für die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitern stetig zu. Das zeigte zuletzt auch die im Mai veröffentliche Towers-Watson-Studie „Altersversorgung und bAV aus Mitarbeitersicht“, für die in Deutschland 2.000 Arbeitnehmer befragt wurden. Demnach vertrauen nur noch 26 Prozent der Befragten darauf, dass die gesetzliche Rente ihnen ein angemessenes Renteneinkommen bereitstellt.

Für 45 Prozent ist die betriebliche Altersversorgung die wichtigste oder zweitwichtigste Einkommensquelle im Alter. Von dem wachsenden Stellenwert profitieren die Unternehmen, die adäquate bAV-Angebote bereitstellen: 28 Prozent der Mitarbeiter geben an, dass die bAV ein wichtiger Grund war für die Entscheidung für ihren derzeitigen Arbeitgeber. Für 41 Prozent ist die bAV ein wichtiger Grund, bei ihrem aktuellen Arbeitgeber zu bleiben. „Die Unternehmen wissen um die große und wachsende Bedeutung von bAV-Angeboten. Gleichzeitig ändert sich die Art der Angebote: Statt auf Festzinslösungen setzen die Unternehmen auf kapitalmarktorientierte Pensionszusagen“, sagt Jasper. „Bereits seit Jahren sind nahezu alle neuen Angebote kapitalmarktorientiert. Diese Lösungen sind aber nicht zwingend weniger attraktiv für Mitarbeiter. Sie bieten zusätzliche Möglichkeiten für eine flexible und bedürfnisorientierte Ausgestaltung.“

Der Towers Watson Pension Index Germany – Entwicklung des Ausfinanzierungsgrads von Pensionsverpflichtungen in den Musterplänen 2003-2014

Pension Index Germany 2014

Globale Aktienmarktentwicklung treibt die Rendite

Im ersten Halbjahr 2014 zeigte das Planvermögen der DAX-Pensionspläne mit einem Plus von 4,3 Prozent einen moderaten Anstieg. Die Rendite des angelegten Kapitals belief sich in diesem Zeitraum auf 5,5 Prozent. Stärkster Renditetreiber waren die globalen Aktienpositionen, die um rund sieben Prozent zulegen konnten. Damit trugen sie mehr zur Rendite bei als die europäischen Aktienwerte, die ein Plus von 5,6 Prozent aufwiesen. Die Anleihenpositionen, die mit 62 Prozent den größten Anteil im Portfolio der DAX-Pensionspläne einnehmen, erzielten eine Rendite von sechs Prozent. Lediglich die Immobilienwerte wiesen mit -0,8 Prozent eine negative Rendite auf.

Die negative Entwicklung im Immobiliensegment zog die Rendite der MDAX-Pensionspläne stärker nach unten, da diese einen höheren Anteil dieser Asset-Klasse aufweisen (elf Prozent im MDAX gegenüber sechs Prozent im DAX). Auch der höhere Aktienanteil bei den MDAX-Pensionsplänen (33 Prozent gegenüber rund 28 Prozent im DAX) konnte das nicht kompensieren. Insgesamt stiegen die pensionsspezifischen Vermögen der MDAX-Unternehmen im ersten Halbjahr um 4,1 Prozent auf 27 Milliarden Euro.

„Das Absinken des Rechnungszinses hat die deutschen Pensionspläne sichtbar getroffen. Gleichwohl haben Schwankungen in diesem Rahmen keine direkten Auswirkungen auf die sehr langfristig orientierte betriebliche Altersversorgung“, resümiert Jasper. „Eine Entspannung auf der Zinsseite ist aus heutiger Sicht noch nicht absehbar. Es ist davon auszugehen, dass sich der Trend zu kapitalmarktorientierten Pensionszusagen weiter fortsetzen wird.“

Über die Studie

Dem German Pension Finance Watch liegen Benchmark-Pensionspläne mit unterschiedlichen Ausfinanzierungsgraden zugrunde. Ein Musterplan (100-Prozent-Plan) stützt sich auf ein Szenario, bei dem die Pensionslasten von Unternehmen zum Stichtag 31. Dezember 2003 voll mit extern angelegtem Vermögen unterlegt waren. Zwei weitere Musterpläne (DAX- bzw. MDAX-Plan) zeichnen die durchschnittliche Entwicklung bei Pensionsverpflichtungen und Kapitaldeckung der Unternehmen in dem jeweiligen Börsenindex nach. Analysiert werden die aktuellen Entwicklungen auf der Verpflichtungsseite sowie die Erträge der für Pensionsverpflichtungen reservierten Kapitalanlagen. Die Untersuchung ergänzt die von Towers Watson herausgegebenen Studien zu US-amerikanischen und weltweiten Benchmark-Pensionsplänen (Global Pension Finance Watch) sowie zu den Schweizer Pensionsplänen, die ebenfalls quartalsweise erscheinen. Eine Zusammenfassung der Studienergebnisse ist demnächst abrufbar unter www.towerswatson.de.

Glossar

Pensionsverpflichtungen: Die Pensionsverpflichtungen umfassen den Wert der Leistungen, insbesondere Rentenzahlungen, die Unternehmen an ihre aktuellen und künftigen Betriebsrentner zu leisten haben. In den Bilanzen werden die künftigen Zahlungen mit dem Wert erfasst, den das Unternehmen heute zahlen müsste (Barwert), wenn es die Verpflichtung sofort vollständig ausfinanzieren wollte.

Der heutige Gegenwert der Verpflichtung (Barwert) wächst durch Zins und Zinseszins bis zum Auszahlungsdatum auf die Höhe des versprochenen Auszahlungswerts an. Dabei orientiert sich der Zinssatz an der Umlaufrendite von Anleihen guter Bonität (Rechnungszins).

Ändert sich diese Umlaufrendite, ändert sich auch der für die Berechnung des Barwerts zugrunde zu legende Zinssatz. In der Folge ändert sich auch der in der Bilanz anzusetzende heutige Gegenwert der Pensionsverpflichtungen – er steigt, wenn der Rechnungszins sinkt bzw. er sinkt, wenn der Rechnungszins steigt. Der Betrag der für die Zukunft zugesagten Rentenzahlung ändert sich dadurch nicht.

Rechenbeispiel: Ein Unternehmen sagt einem heute 55-jährigen Mitarbeiter zu, ihm bei Rentenbeginn mit 65 Jahren einmalig ein Kapital in Höhe von 10.000 Euro auszuzahlen. Bei einem Rechnungszins von 6 Prozent müsste es heute hierfür (unter der Annahme, dass die Leistung mit Sicherheit nach zehn Jahren abgerufen wird) eine Zahlungsverpflichtung in Höhe von 5.584 Euro in seiner Bilanz ansetzen. Beträgt der Rechnungszins hingegen nur niedrigere 4 Prozent, müsste es einen deutlich höheren Verpflichtungsumfang (6.756 Euro) angeben. Trotz der unterschiedlichen Verpflichtungsangaben in der Bilanz lautet das künftige Zahlungsversprechen weiterhin auf 10.000 Euro.

Zusätzlich fließen – je nachdem, ob das Unternehmen seinen Mitarbeitern beispielsweise eine lebenslange Rente oder eine einmalige Kapitalzahlung im Ruhestand versprochen hat – weitere Faktoren, wie etwa die statistische Lebenserwartung, in die Berechnung ein.

Pensionsspezifische Vermögenswerte / Planvermögen: Als so genanntes Planvermögen gelten die Vermögenswerte, die explizit für die Zahlung der Pensionsverpflichtungen reserviert und insolvenzgeschützt vom Vermögen des Unternehmens getrennt sind (Anforderungen nach dem Rechnungslegungsstandard IAS 19). Vermögenswerte, die allein durch die Bildung von Pensionsrückstellungen im Unternehmen gebunden wurden, zählen nach diesen strengen Vorschriften nicht als Planvermögen.

Ausfinanzierungsgrad (Deckungsgrad): Der Ausfinanzierungsgrad ist der Quotient aus Planvermögen und Pensionsverpflichtungen. Verändern sich diese Werte in gegenläufiger Richtung, beeinflusst dies den Ausfinanzierungsgrad. In der Langzeitbetrachtung zeigt sich, dass der Ausfinanzierungsgrad im Jahresvergleich meist geringfügig schwankt. Jedoch haben Unternehmen in der vergangenen Dekade die speziell für die Zahlung künftiger Betriebsrenten reservierten Vermögenswerte stetig ausgebaut – ein Trend, der nach Einschätzung von Towers Watson weiter anhalten wird.

Über Towers Watson

Towers Watson, eine der führenden Unternehmensberatungen weltweit, unterstützt seine Kunden, ihren Unternehmenserfolg durch ein effektives HR-, Finanz- und Risikomanagement zu steigern. Mit rund 14.000 Mitarbeitern weltweit entwickelt das Unternehmen Lösungen in den Bereichen betriebliche Altersversorgung und Nebenleistungen, Personal- und Vergütungsmanagement sowie Risiko- und Finanzmanagement, einschließlich der Beratung von Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen.