Autor

Michael Kluettgens

Michael Kluettgens

Leiter Versicherungsberatung Deutschland

Willis Towers Watson

Der Appetit auf Merger und Akquisitionen (M&A) in der Versicherungsbranche ist derzeit weltweit kaum zu stillen. Was vor vielen Jahren aus den Startlöchern nicht herauszukommen schien, ist seit rund zwei Jahren eine Entwicklung hin zu immer neuen und größeren M&A-Deals geworden. Immer häufiger kommt es auch zu Megadeals, also Transaktionen mit einem Volumen von über 5 Mrd. Euro.

Viele Zukäufe resultieren zwar aus dem Wunsch eines Marktführers oder einer Top 10 Gesellschaft nach Vergrößerung des Marktanteils. Aber verantwortlich für die Entwicklung der letzten Jahre ist nicht nur der allgemeine Konsolidierungstrend – Versicherungs-M&A kennt noch viele weitere Treiber.

Vier Deal Driver für M&A in der Versicherungsbranche

Strategische Neuausrichtung

Vor dem Hintergrund sich wandelnder regulatorischer Anforderungen sind Versicherer gezwungen, sich intensiver mit der Kapitaleffizienz ihrer Produkte auseinanderzusetzen. Daraus folgt sehr wahrscheinlich die Erkenntnis, dass sie ihr Portfolio anpassen müssen. Nur wer in der Lage ist, sich auf einzelne Produkt- oder Zielgruppen zu fokussieren, kann im Wettbewerb um Kapitaleffizienz bestehen. Das bedeutet, sich in profitablen Bereichen zu verstärken, sich aber an anderer Stelle auch von Geschäft zu trennen – dafür wird die Möglichkeit des Run-Offs verstärkt auch auf dem deutschen Versicherungsmarkt genutzt.

Umstrukturierung im Vertrieb

Für die anstehende Marktkonsolidierung in den etablierten Märkten ist die vielfach immer noch sehr hohe Marktfragmentierung, in Verbindung mit geändertem Konsumentenverhalten im Zeitalter der Digitalisierung, ein Faktor. Im Klartext bedeutet das, dass eine bedeutende und oftmals schmerzhafte Umstrukturierung in den Vertriebsstrukturen der Versicherer unabdingbar ist.

Digitalisierungsdruck

Die Versicherungsbranche hat – wenn auch spät – erkannt, dass sie verglichen mit anderen Bereichen des Dienstleistungssektors beim Thema Digitalisierung deutlich hinterherhinkt. Fast die Hälfte aller Versicherer schätzen ihr eigenes Unternehmen sogar als „stark hinterher“ ein. Gründe dafür finden sich in den komplexen Regulierungsvorgaben, den hohen Entwicklungskosten von neuen Technologien sowie den schwer einschätzbaren Investitionsvolumina. Rund 45 Prozent der Versicherer erwägen daher, die digitale Transformation durch den Zukauf von Unternehmen, die über innovative Technologien beziehungsweise Lösungen verfügen, zu meistern.

Marktanteile in einzelnen Regionen gewinnen

Durch M&A wird natürlich auch Wachstumspotenzial in einzelnen Regionen ausgeschöpft: Sei es die Marktstellung der anvisierten Unternehmen oder deren Kundenzugang über die vorhandenen Vertriebswege – das Ziel regionaler Merger ist Umsatzwachstum und die Vergrößerung der Marktanteile in bereits erschlossenen Märkten. Schaut man sich die Regionen an, in denen M&A-Aktivitäten stattfinden, so werden mehr als 90 Prozent der Targets in Märkten gesucht, in denen die Käufer bereits ihr Versicherungsgeschäft betreiben.

Ausblick

Die Entwicklung des weltweiten M&A-Geschäfts der Versicherungsbranche bleibt spannend. Aktuell konsolidieren in Deutschland die Lebensversicherer primär im Inland. Damit einhergehend findet auch die Trennung von klassischem Geschäft statt, wohingegen das anorganische Wachstum eher im Ausland gesucht wird, wie beispielsweise in Asien oder Südamerika. Die Zukäufe in den weniger entwickelten Märkten (Asien, Südamerika oder Afrika) tätigen vor allem große Multinationals, weil sie dort noch hohe Wachstumsraten erzielt können. Bei einigen Gesellschaften setzt sich aber auch gerade die Erkenntnis durch, dass es besser ist, sich auf weniger Zielmärkte zu fokussieren und die eigenen Managementkapazitäten dort zu bündeln, anstatt in zu vielen Märkten kleinteilig zu agieren.